Europäisches Zentrum für Kriminalprävention


Der Tageswohnungseinbruch - Lagebild und Präventionsansätze

Andreas Kohl M.A.

Disposition

1. Vorbemerkung

2. Polizeiliche Definition des Tageswohnungseinbruchs

3. Lagebild Tageswohnungseinbruch

4. Prognose 2000

5. Präventionsstrategien

1. Vorbemerkung

Wie wenige andere Delikte schürt das Phänomen des Wohnungseinbruchs die Angst der Bevölkerung vor Kriminalität. Gerade die Verletzung der Privatsphäre durch die Anwesenheit der Einbrecher in der eigenen Wohnung wird von den Opfern als elementarer Angriff empfunden. Als Folge dieses Schocks haben Opfer häufig noch lange Zeit nach dem Einbruch Angstzustände und andere schwere psychische Probleme zu verarbeiten.(1) Diese werden noch gesteigert, wenn, wie z.B. in Köln nachgewiesen, immer mehr Einbrüche sogar in Anwesenheit der Hausbewohner begangen werden.(2) Die Steigerungsraten der letzten Jahre und insbesondere die der Organisierten Kriminalität zuzurechnenden Fälle haben das Delikt darüber hinaus mehr und mehr in den Mittelpunkt des öffentlichen und polizeilichen Interesses rücken lassen. So meldete die "Welt" in ihrer Ausgabe vom 19. Juni 1996, daß 2,9% der Bevölkerung in Deutschland damit rechnen müßten, Opfer eines Wohnungseinbruchs zu werden, eine Rate, die in Europa nur noch durch die Niederlande (3,2%) übertroffen wird. Der Verband der Schadensversicherer gab im August 1996 bekannt, daß in Deutschland alle zweieinhalb Minuten ein Wohnungseinbruch verübt wird.

Trotz dieser Entwicklung des für die Kriminalitätsfurcht der Bevölkerung so symbolhaften Delikts existiert nur wenig aktuelle wissenschaftliche und praxisorientierte Literatur zum Thema Wohnungseinbruch und insbesondere zum hier behandelten Spezialfall des Tageswohnungseinbruchs (TWE).(3) Kriminologische Standardwerke und Lexika behandeln dieses Phänomen (noch) nicht, so daß hier im wesentlichen auf polizeiliche Erkenntnisse zurückgegriffen werden muß. Im folgenden werden daher bundesweite, regionale und lokale Untersuchungen sowie Bekämpfungsstrategien, die sich allgemein mit Wohnungseinbrüchen oder speziell mit TWE befassen, ausgewertet. Das Ziel dieses Aufsatzes ist es, am Beispiel des TWE die Lage näher zu beleuchten, um auf dieser Grundlage ein modulares TWE-Präventionskonzept zu erarbeiten, das dann von Polizeidienststellen je nach dem individuellen Grad der Betroffenheit in die Praxis umgesetzt werden kann.

2. Polizeiliche Definition des Tageswohnungseinbruchs

Strafrechtlich gesehen handelt es sich beim TWE um eine Form schweren Diebstahls nach § 243 StGB Abs. 1 Nr. 1., wenn der Täter

zur Ausführung der Tat in ein Gebäude, eine Wohnung, einen Dienst- oder Geschäftsraum oder in einen anderen umschlossenen Raum einbricht, einsteigt, mit einem falschen Schlüssel oder einem anderen nicht zur ordnungsgemäßen Öffnung bestimmten Werkzeug eindringt oder sich in dem Raum verborgen hält.

Kriminologisch wird der TWE als eine Untergruppe des Wohnungseinbruchs eingestuft. Allerdings existieren mehrere Definitionen des TWE, die unterschiedliche Anforderungen an das begangene Delikt stellen, um es zum TWE zu qualifizieren. Die AG Kripo hat sich 1987/88 mit dem Thema beschäftigt und eine Arbeitsdefinition vorgelegt, nach der ein TWE nur dann vorliegt,

"wenn

- die Tatzeit zwischen 6.00 und 21.00 Uhr liegt

oder

- die Tat unter Ausnutzung der - auch vermuteten - Abwesenheit der Wohnungsinhaber begangen wurde (z.B. Berufstätigkeit, Einkaufen, Wochenende, Urlaub) und die Tatzeit nicht feststellbar ist

und

- es sich nachweislich oder den Umständen nach um überörtliche Täter handelt."(4)

Mit dem dritten Bindestrich wird der TWE definitorisch von "einfachen", im lokalen Kontext und spontan begangenen Wohnungseinbrüchen abgetrennt. Die zwingende Begleiterscheinung, daß es sich um überörtliche Täter handeln muß, hebt den TWE auf die qualitativ höhere Stufe bewußt und zielgerichtet durchgeführter, bandenmäßig oder organisiert begangener Kriminalität. Diese Entscheidung der AG Kripo, den TWE durch höhere definitorische Anforderungen zu qualifizieren, hat sich in der Praxis allerdings nicht durchsetzen können. Die in der AG Kripo-Definition enthaltenen Spielräume für Sachbearbeiter ("...auch vermuteten - Abwesenheit...";"...den Umständen nach...") haben sich in der polizeilichen Praxis als problematisch und nicht praktikabel erwiesen.

Nachdem in den Jahren 1991 bis 1993 die ursprüngliche Definition Grundlage für die dem BKA aus den Bundesländern zugelieferten Daten war, beschränkt sich die seit 1994 für die Aufnahme in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) gebräuchliche Definition des TWE daher lediglich auf die Eingrenzung der Tatzeit auf die Zeitspanne von 6.00 bis 21.00 Uhr. Diese Maßnahme hat zu einer bundesweit einheitlicheren Einordnung und damit zu einer verbesserten Qualität und Vergleichbarkeit der seitdem erfaßten PKS-Fallzahlen geführt.(5)

3. Lagebild Tageswohnungseinbruch

Im folgenden wird das polizeiliche Lagebild TWE bis zum Jahr 1996 dargestellt. Neben den Zahlen für die Bundesrepublik Deutschland aus der PKS fließen auch die Ergebnisse regionaler Untersuchungen mit in dieses Lagebild ein.(6)

Erst seit 1991 wird der TWE auch von der PKS unter der Schlüsselzahl 436* von den schweren Diebstählen aus Wohnräumen getrennt und gesondert ausgewiesen. Vergleichbar sind die PKS-Zahlen dennoch seitdem nur bedingt, denn erst seit 1992 beziehen sich die Fallzahlen auf das gesamte Gebiet Deutschlands inklusive der neuen Bundesländer. Auch die 1994 vorgenommene Vereinfachung der TWE-Definition (s.o.) schränkt durch das damit veränderte Meldeaufkommen der Länder die Aussagekraft der Zahlenreihen ein. Zusätzlich zu diesen Hellfelderkenntnissen muß allerdings noch ein in seinem genauen Ausmaß nicht quantifizierbares Dunkelfeld hinzugezählt werden. Die Expertenschätzungen schwanken hier stark, außerdem liegen keine ausschließlich für TWE erhobenen Zahlen vor. So geben z.B. Schwind, Ahlborn und Weiß die Dunkelziffer für "Schweren Diebstahl" allgemein aufgrund regionaler, zwischen 1973 und 1987 erhobener Forschungsergebnisse mit 1:1 bis 1:2 an, das heißt, daß auf jeden bekanntgewordenen ein bis zwei nicht bekanntgewordene Fälle kommen. Allgemein gilt jedoch bei schweren Eigentumsdelikten, zu denen der TWE gerechnet werden muß, daß eine vergleichsweise hohe Anzeigebereitschaft der Opfer im Ergebnis zu einer niedrigen Dunkelziffer führt.(7)

Das Phänomen des TWE wurde erstmalig Ende der siebziger Jahre registriert, ohne daß allerdings aussagefähiges statistisches Datenmaterial aus dieser Zeit vorliegt. Mitte der achtziger Jahre wurden die deutschen Strafverfolgungsbehörden dann auf einen überdurchschnittlichen Anstieg des Wohnungseinbruchs aufmerksam, dessen Fallzahlen zwischen 1971 und 1986 um 113% stiegen, während die Gesamtkriminalität im gleichen Zeitraum nur um ca. 79% anstieg. Diese überproportionale Steigerungsrate wurde u.a. auf den extremen Anstieg von TWE-Delikten zurückgeführt. Der Versuch der deutschen Polizeibehörden, 1981/82 mit Hilfe eines Sondermeldedienstes einen besseren Überblick über die TWE-Lage zu bekommen, scheiterte mangels Beteiligung und Kontinuität und wurde bereits nach neun Monaten wieder abgebrochen. Erst durch das Tätigwerden der AG Kripo 1987, das auch zur Ausarbeitung der oben genannten polizeilichen TWE-Definition geführt hat, war es möglich, für die Jahre 1985 und 1986 Fallzahlen für das damalige Bundesgebiet zu erheben.(8)

Danach wurden im Jahre 1985 ca. 41.000 Fälle und 1986 51.500 Fälle bekannt, was einer Steigerungsrate von ca. 24% gegenüber 7,9% des normalen Wohnungseinbruchs im gleichen Zeitraum entsprach. 1986 war damit bereits jeder dritte Wohnungseinbruch ein TWE. Die unter den o.g. Vorbehalten ermittelten Fallzahlen bewegen sich seit 1992 auf einem konstant hohen Niveau von ca. 65.000 bis 73.000 bundesweit registrierten Fällen pro Jahr. 1996 kamen auf insgesamt 195.801 Einbrüche in Wohnungen 69.848 TWE, d.h. mehr als jeder dritte registrierte Wohnungseinbruch war auch in diesem Jahr ein TWE. Grafik 1 zeigt die Entwicklung 1991 bis 1996 auf. Gleichzeitig sank die Zahl der TWE 1996 gegenüber dem Vorjahr mit -4,6% deutlich langsamer als die der Wohnungseinbrüche (-7,3%). Im Jahre 1995 handelte es sich bei ca. jedem vierten Fall nicht um einen vollendeten TWE, es blieb beim Versuch. Die Aufklärungsquoten sind seit 1992 leicht gestiegen, bewegen sich trotz aller polizeilichen Bemühungen allerdings immer noch auf einem bemerkenswert niedrigen Niveau zwischen 12,5% (1991) und 14,4% (1996). Zum Vergleich: die durchschnittliche Aufklärungsquote der Gesamtkriminalität im Jahre 1996 war mit 49% mehr als dreimal so hoch.

Tatortverteilung und Tatzeiten

1995 stellte sich die Tatortverteilung der festgestellten TWE nach kommunalen Größenklassen mit einer Ausnahme relativ ausgeglichen dar. Jeweils ca. 20-25% der Taten wurden in Städten mit bis zu 20.000 Einwohnern, in Städten mit 20.000 bis 100.000 Einwohnern und in Städten mit 100.000 bis 500.000 Einwohnern begangen. Lediglich die Großstädte mit mehr als 500.000 Einwohnern sind stärker TWE-belastet, ein Drittel aller Taten werden hier begangen.(9)

Zur bevorzugten Tatzeit liegen auf Bundesebene keine Zahlen vor, so daß hier nur auf einige regionale Erhebungen zurückgegriffen werden kann. So zeigte ein Lagebild für den Bereich der Polizeidirektion Aschaffenburg 1993/94 auf, daß die meisten TWE als "Dämmerungseinbrüche" zwischen 17.00 und 21.00 Uhr begangen wurden, gefolgt von der Zeit zwischen 13.00 und 17.00 Uhr. Vor 13.00 Uhr wurden die wenigsten TWE durchgeführt. Eine Kölner Studie stützt dieses Ergebnis, auch hier wurden 1995 die meisten der TWE abends, zwischen 16.00 und 22.00 Uhr durchgeführt. Allerdings gilt dies nur für Einbrüche in Einfamilienhäuser, denn Wohnungen wurden von den Tätern am häufigsten zwischen 16.00 und 20.00 Uhr sowie zwischen 10.00 und 12.00 Uhr vormittags heimgesucht. Insgesamt lag der Anteil der zur Tageszeit verübten Einbrüche in Köln bei 77,54%, wobei allerdings abweichend von der PKS der Zeitraum von 8.00 bis 22.00 zugrundegelegt wurde. Nach einer Untersuchung des LKA Rheinland-Pfalz werden die meisten TWE in der Mittagszeit zwischen 11.00 und 12.00 Uhr begangen.(10) Eine ähnliche Situation liegt offenbar dann vor, wenn, wie in Hamburg ermittelt, viele TWE als Betäubungsmittel-Beschaffungsdelikte begangen werden. Die meisten der hier ermittelten TWE wurden zwischen 11.00 und 13.00 Uhr begangen, um z.B. Schecks noch innerhalb der Öffnungszeiten der Banken einlösen bzw. das gestohlene Gut noch am selben Tag bei Hehlern versetzen zu können.(11)

Der in der Bevölkerung weitverbreitete Glaube, daß Wohnungseinbrüche in Ferienzeiten und besonders in den Sommermonaten häufiger verübt würden, läßt sich anhand der vorhandenen Zahlen nicht stützen. Die PKS belegt für das Jahr 1995, daß der TWE in der Winterjahreshälfte "Saison" hat. Nahezu 60% aller TWE werden in diesen fünf Monaten, in denen die Täter die frühe Dunkelheit nutzen können, begangen. Die wenigsten Fälle ereignen sich dagegen im Frühjahr in den Monaten April und Mai. Auch die über eine längere Zeitdauer erhobene Kölner Studie zeigt die stärksten TWE-Belastungen in den Monaten Januar, Februar, März und November auf.(12)

Täter

Im Jahre 1996 wurden insgesamt 7926 Tatverdächtige im Rahmen der PKS erfaßt, seit dem Beginn der Zählung im Jahre 1991 stieg die Zahl der Tatverdächtigen damit um ca. 70% an. Die überwiegende Mehrheit der Tatverdächtigen (86,7%) war 1995 männlichen Geschlechts und deutscher Staatsangehörigkeit. Der Anteil Nichtdeutscher lag beim TWE mit 30,2% nur leicht über dem durchschnittlichen Wert für die Gesamtkriminalität (28,5%).(13) Auch muß hier betont werden, daß umherziehende Banden z.B. rumänischer oder kosovo-albanischer Herkunft, deren Aktivitäten von großer Medienresonanz begleitet wurden und zu erheblicher Unsicherheit in der Bevölkerung geführt haben, aufgrund ihrer Vorgehensweise und der Auswahl der Tatobjekte nicht zum typischen TWE-Täterkreis gehören.(14) Hier sind eher Täter aus dem ehemaligen Jugoslawien und Landfahrer zu nennen. Die im Aschaffenburger Raum tätigen nichtdeutschen Einbrecher kamen überwiegend aus Osteuropa und Südamerika.(15)

Anhand der aufgeklärten Fälle ließ sich 1995 ein Anteil von 50% allein handelnder Täter feststellen, 1996 waren 78,8% bereits einmal als Tatverdächtige in Erscheinung getreten. Die Einnahme von Drogen spielt beim TWE keine große Rolle, so konnte 1996 lediglich 15,8% der Tatverdächtigen die Einnahme harter Drogen nachgewiesen werden, 1995 beging nur eine unbedeutende Minderheit (2,7%) den TWE unter Alkoholeinfluß. Allerdings spielen hier regionale Besonderheiten eine Rolle, so war der Anteil von rauschgiftabhängigen TWE-Tätern in Hamburg sehr hoch. Auch führen Tageswohnungseinbrecher in der Regel keine Schußwaffe mit sich, lediglich 0,6% aller Tatverdächtigen waren 1995 bewaffnet.

Betrachtet man die Entwicklung der Altersstruktur der Tatverdächtigen in den letzten Jahren, so fällt eine Tendenz zur Verjüngung auf. Waren 1991 noch mehr als zwei Drittel der Täter über 21 (68,7%) und 5,5% jünger als 14 Jahre, so stieg der Anteil der unter 14jährigen Kinder bis 1995 auf 7,3%, die über 21jährigen machten nur noch 60,8% aus. Die Anteile der einzelnen Altersgruppen unterscheiden sich zwischen deutschen und nichtdeutschen Tatverdächtigen nur unwesentlich. Bemerkenswert ist lediglich, daß der Anteil der Kinder bei Nichtdeutschen mit 9,5% höher als bei Deutschen (6,4%) liegt. Wie problematisch gerade von strafunmündigen Kindern begangene TWE für die Strafverfolgungsbehörden sind, haben einige Fälle der Vergangenheit gezeigt. So haben z.B. jugoslawische Roma Kinder systematisch zur Begehung von TWE ausgebildet. Den Kindern wurde eingeschärft, im Falle eines Aufgriffs durch die Polizei keine Aussage zu machen bzw. ihr Alter mit höchstens 13 Jahren anzugeben, damit ihnen nichts passieren kann. Erschreckend ist hier zum einen die teilweise enorm hohe und logistisch unterstützte Delinquenz der jungen Täter, die es auf 10-20 TWE pro Tag bringen können, zum anderen aber insbesondere die konsequente Nutzung der Personenfreiheit im Europäischen Binnenmarkt zur Begehung von Straftaten.(16)

Trotz dieser bedenklichen Entwicklung überwog 1995 die Tatbegehung im unmittelbaren Lebensumfeld des Täters. Fast die Hälfte (49,2%) aller Tatverdächtigen begingen den TWE in der Gemeinde, in der sie auch ihren Wohnsitz hatten. Weitere 12,4% wohnten im Landkreis der Tatortgemeinde. Nur insgesamt knapp 10% aller Tatverdächtigen wohnten nicht im gleichen Bundesland bzw. im Ausland. Bei 15,5% der Tatverdächtigen konnte kein Wohnsitz ermittelt werden.

Die Hellfelderkenntnisse lassen daher - bei aller gebotenen statistischen Vorsicht - die folgende Aussage über den "typischen" TWE-Täter zu: Demnach ist der durchschnittliche Tageswohnungseinbrecher

- männlich,

- deutscher Staatsbürger,

- älter als 21 Jahre,

- während der Tat unbewaffnet und

- als Straftäter bereits mehrfach in Erscheinung getreten.

4. TWE-Prognose 2000

Im Rahmen einer für die AG Kripo und das Bundeskriminalamt erstellten und 1996 veröffentlichten Untersuchung "Europa und die innere Sicherheit"(17) haben Experten aus den Bereichen Polizei, Justiz, Politik/Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft zur zukünftigen Entwicklung der OK, der Wirtschaftskriminalität und ausgewählter Delikte in Deutschland Stellung bezogen. Innerhalb der Deliktsgruppe "Diebstahl", deren Anstieg bis zum Jahr 2000 auf 15-16% eingeschätzt wurde, sollten die Experten auch ein Urteil über Phänomenologie und Entwicklung des TWE bis zum Jahr 2000 abgeben. Auf die Frage, welche zukünftigen Steigerungsraten den unterschiedlichen Teilbereichen der Diebstahlskriminalität zuzuordnen seien, wurde ein pessimistisches Szenario vorhergesagt. Der TWE erreichte mit einem prognostizierten mittleren bis hohen Anstieg bis zum Jahr 2000 den höchsten Wert aller abgefragten Diebstahlsdelikte, die Experten schätzten eine Zunahme von durchschnittlich 16%. Damit liegt der TWE nur geringfügig unter den Experteneinschätzungen zur Entwicklung der Gesamtkriminalität bis 2000 (16,4%). Als Ursache für diesen Anstieg wurde die Veränderung der tatsächlichen Kriminalitätsentwicklung angegeben. Auch der Zusammenhang von OK und den verschiedenen Delikten der Diebstahlskriminalität wurde abgefragt. Im Ergebnis wurde dem TWE ein mittleres Potential als Tätigkeitsfeld für die OK zugesprochen. Auf die Frage, ob der Europäische Binnenmarkt mit den durch ihn konstituierten Freiheiten besondere Kriminalitätspotentiale und Tatgelegenheiten für TWE-Täter bietet, wurde von den Befragten ebenfalls ein mittleres Potential festgestellt. Innerhalb der einzelnen Binnenmarkt-Freiheiten wird von den Tätern in erster Linie der Warenverkehr zur Begehung von Diebstahlsdelikten genutzt.(18)

5. TWE-Präventionsstrategien

Das oben geschilderte TWE-Lagebild der letzten Jahre hat - besonders in Fällen von regionalen oder lokalen TWE-Serien - seitens einiger betroffener Strafverfolgungsbehörden dazu geführt, auf der Basis der Erstellung eines aussagefähigen TWE-Lagebildes maßgeschneiderte präventions- und repressionsorientierte Strategien zu entwickeln. Allerdings haben diese im unmittelbar lokalen Wirkungsbereich teilweise sehr erfolgreichen Konzepte noch keine durchschlagenden Effekte auf die bundesweiten TWE-Fallzahlen gezeigt. Um dieses Kriminalitätsphänomen wirklich bekämpfen zu können und nicht ausschließlich örtlich beschränkte Teilerfolge und Verdrängungseffekte in benachbarte Regionen(19) zu erzielen, müssen flächendeckend neue Konzepte der TWE-Bekämpfung angewandt werden. Im folgenden sollen daher wichtige und in der Praxis erprobte Elemente erfolgreicher TWE- Präventionsstrategien vorgestellt werden. Diese sind als "Baukastensystem" zu verstehen, es bleibt den jeweils betroffenen Polizeidienststellen vorbehalten, den für ihre spezifische TWE-Lage effektivsten Methoden-Mix zu ermitteln und in maßgeschneiderte Vorgehensweisen umzusetzen.

Neben einem repressiven Vorgehen(20) gegen TWE-Serien muß jede umfassende Bekämpfungsstrategie auch präventive Elemente enthalten, deren Umsetzung ebenfalls über den Erfolg der Gesamtstrategie entscheidet. Gerade beim Delikt TWE, dessen Auswirkungen auf die Opfer bereits geschildert wurden, kann auf eine hohe Betroffenheit bzw. Motivation der Bevölkerung gesetzt werden. Dies zeigen auch Präventionsprojekte, die von betroffenen Bürgern initiiert und teilweise ohne Beteiligung der Polizeibehörden in Verbindung mit Privaten Sicherheitsdiensten durchgeführt werden. Aufgabe der Polizei ist es daher in besonderem Maße, die Betroffenheit der Bürger allgemein und der Opfer im besonderen in aktive Unterstützung präventiver Maßnahmen umzusetzen. Präventionsprojekte, die ohne Beteiligung und Einflußnahme der entsprechenden Polizeidienststellen durchgeführt werden, können zwar eine begrenzte lokale Wirkung entfalten, das Ziel sollte jedoch in jedem Falle eine Gesamtstrategie sein, die die Interessen aller Beteiligten berücksichtigt und zusammenführt.

Grundlage der polizeilichen Aktivitäten im Präventionsbereich muß das Kooperationsprinzip darstellen. Es zielt auf die nationale polizeiliche Zusammenarbeit mit privaten Akteuren ab. Besondere Bedeutung kommt hier der Kooperation der Polizeien mit Akteuren der gewerblichen Wirtschaft, der Wissenschaft sowie sonstiger relevanter gesellschaftlicher Gruppierungen zu (21) Im folgenden werden die wesentlichen Elemente der Prävention von TWE aufgeführt:

Erstellung eines lokalen/regionalen Lagebildes TWE

Grundlage jeder TWE-Präventionskonzeption ist zunächst die Erstellung eines aussagefähigen quantitativen und qualitativen Lagebildes für die entsprechende Region. Unter Nutzung der polizeilichen EDV-Anwendungen sollte dieses Lagebild alle erhobenen Informationen über begangene TWE enthalten und zu Beginn der Bekämpfungsmaßnahmen zur Verfügung stehen. Es sollte Angaben über die zahlenmäßige Entwicklung des TWE, die geographische Verteilung und Charakteristika der Tatorte sowie demographische Daten zu Tätern und Opfern enthalten. Je nach personellen und finanziellen Ressourcen können ausführliche Täter- und Opferbefragungen weitere Erkenntnisse für eine erfolgreiche Prävention erbringen. Unerläßlich ist ebenfalls, das Lagebild während der gesamten Phase der Umsetzung der Präventionsmaßnahmen weiterzuführen, um Ergebnisse messen und schnell auf Veränderungen reagieren zu können.

Suche nach Kooperationspartnern

Eine erfolgreiche Prävention von TWE kann im Zeitalter der Kommunikation nicht mehr von der Polizei allein geleistet werden. Generell gilt, daß die betroffenen Polizeidienststellen ein TWE-Präventionsprojekt zwar initiieren, aber nur in enger Kooperation mit lokalen Institutionen planen und erfolgreich durchführen können. Bereits in einer sehr frühen Projektphase müssen daher Partner gefunden werden, die geeignet sind, das Projekt inhaltlich und finanziell zu unterstützen. In jedem Falle sollten dabei auf lokaler Ebene die folgenden Institutionen bzw. Gruppen angesprochen werden:

Medien

Eine besondere Funktion kommt hier den lokalen Medien zu. Durch die frühzeitige Einbeziehung von Presse, Funk und Fernsehen können die Informationen an erheblich mehr Adressaten gegeben werden, als es die polizeilichen Möglichkeiten alleine vermögen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang die richtige Ansprache der Medien. Eine optimale Mitarbeit der Medien wird dann erreicht, wenn diese sich nicht im althergebrachten Sinne lediglich als unbeteiligter Multiplikator der polizeilichen Informationen verstehen. Sie sollten daher von vorneherein als aktive Partner mit fest definierten Aufgabenbereichen in das Präventionsprojekt integriert werden, um nicht nur von außen zu berichten. Einer Tageszeitung oder einem Lokalradio den Status eines Projektpartners zu verleihen, steigert die Motivation, Kreativität und Bereitschaft, Zeilen bzw. Sendeminuten zur Verfügung zu stellen.

So hat z.B. die Hessische/Niedersächsische Allgemeine Zeitung als Partner einer Gemeinschaftsaktion in Kassel durch die begleitende Berichterstattung zum Wohnungseinbruch ihre Leser durch Fallbeispiele und Reportagen kontinuierlich über das Thema informiert. In regelmäßig erscheinenden Infokästen wurden weitere Informationen über bestehende Nachbarschaftshilfen, die Arbeit der Polizei sowie die Schäden für Versicherungen und Allgemeinheit bereitgestellt. Gleichzeitig wurden Anzeigen geschaltet, die auf eine emotionale Art und Weise die Folgen für Opfer schildern. Des weiteren bieten Lokalzeitungen die Möglichkeit, Beilagen wie z.B. Poster oder Broschüren einer großen Zielgruppe zur Verfügung zu stellen.

Lokale Präventionsinitiativen

Ein weiterer wichtiger Partner sind die in den letzten Jahren immer weiter verbreiteten lokalen Präventionsinitiativen. So existierten z.B. 1996 in Schleswig-Holstein, das hier aufgrund seines sehr aktiven Landesrates für Kriminalprävention bundesweit eine Vorreiterrolle einnimmt, bereits 24 kommunale Präventionsräte. Der Rückstand, den Deutschland gegenüber Skandinavien oder Großbritannien innehat, die bereits seit Jahrzehnten starke kriminalpräventive Institutionen auf allen Ebenen besitzen, wird leider erst langsam aufgeholt. Ein großer Vorteil für die Integration eines kommunalen kriminalpräventiven Rates in ein TWE-Projekt besteht darin, daß dort in der Regel bereits alle wichtigen Institutionen der Kriminalprävention vertreten sind. Die Polizei muß in diesem Falle keine Aufbauarbeit mehr leisten, sondern kann auf die Unterstützung durch eine schlagkräftige Institution vertrauen. Präventionsinitiativen, die sich z.B. im Rahmen eines e.V. organisiert haben, bieten - im Gegensatz zur Polizei - darüber hinaus die Möglichkeit, Spenden Dritter annehmen und dem Projekt zur Verfügung stellen zu können.

Wissenschaft

Auch die Wissenschaft kann zur Unterstützung bei TWE-Präventionsprojekten beitragen. Oftmals kommen mögliche Kooperationen allerdings nicht zustande, weil Berührungsängste sowohl bei der Polizei als auch innerhalb der Wissenschaft existieren. Nichtsdestotrotz lohnt es sich allerdings, entsprechende wissenschaftliche Einrichtungen, die sich vor Ort mit kriminalpolitischen Fragen beschäftigen, anzusprechen und für eine konkrete Zusammenarbeit zu gewinnen. Präventionsprojekte können dabei z.B. durch Hilfen bei der Erarbeitung eines Lagebildes oder durch die begleitende Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten unterstützt werden. Hierbei muß es sich nicht zwingend um bezahlte Drittmittelforschung oder Gutachten handeln. Oft ist es möglich, einzelne Präventionsprojekte im Rahmen von Seminar- oder Examensarbeiten analysieren zu lassen. Denkbar ist hier auch die Durchführung von Täter- oder Opferbefragungen, die genauere Auskunft über die TWE-Phänomenologie und Tatgelegenheiten geben können. Durch die Kooperation von Wissenschaft und Praxis können so neue Sichtweisen und Aspekte gefunden werden, die über das Einzelwissen der beteiligten Partner hinausgehen.

Wirtschaft

Trotz teilweise immer noch vorhandener Berührungsängste zwischen Polizei und Wirtschaft kann diese ein aktiver Partner im Rahmen eines TWE-Präventionsprojektes sein. Allerdings müssen unterschiedliche Wirtschaftszweige jeweils ihren Möglichkeiten entsprechend eingebunden werden. Ein vitales Interesse an der Mitarbeit haben zunächst Versicherungsunternehmen, bereits im Rahmen der Vorbereitungsphase sollten daher die lokalen Unternehmen angesprochen werden. Entscheidend für die Mitarbeit ist die Bereitschaft des Unternehmens, aktiv mitzuarbeiten und sein Know-how zur Verfügung zu stellen. Denkbar sind hier Beteiligungsformen wie die Installierung eines Info-Telefons oder die Durchführung persönlicher Beratungen vor Ort ("Einbruchs-TÜV"). Aber auch die Bereitstellung finanzieller Mittel z.B. für den Druck von Informationsmaterial kann angesichts leerer öffentlicher Kassen eine wichtige Unterstützung bedeuten. Im Gegenzug sollte von seiten der Polizei die Bereitschaft vorhanden sein, solches - natürlich vom Unternehmen immer auch unter Imagegesichtspunkten vorgenommenes - Engagement durch die angemessene Nennung des betreffenden Unternehmens, etwa in Zeitungsanzeigen, zu honorieren. Auch Banken können sinnvoll in TWE-Projekte integriert werden, indem sie z.B. Sicherheitsausstellungen in ihren Schalterhallen durchführen, wie in Kassel geschehen: Die in der Stadtsparkasse Kassel durchgeführte öffentliche Einbruchsdemonstration des Kripo-Einbrechers "Ede" mußte aufgrund der starken Resonanz in der Öffentlichkeit mehrmals wiederholt werden und zeigte eindrucksvoll auf, welchen Einfluß die Wahl der Präsentationsform auf das Gelingen einer Kampagne hat.(22)

Problematischer gestaltet sich die Zusammenarbeit mit Unternehmen der Sicherheitswirtschaft, insbesondere aus dem Bereich der Sicherheitsdienstleistungen. Während die Polizei mit den Anbietern von Sicherheitstechnik im Rahmen ihrer Beratungsstellen schon lange gut kooperiert, bestehen immer noch Vorbehalte, z.B. mit privaten Wach- und Sicherheitsdiensten zusamenzuarbeiten. Allerdings sollte die Polizei im hier behandelten Fall eines TWE-Präventionsprojektes die Möglichkeiten der Kooperation überdenken. Im für die Polizei "schlimmsten" Fall engagieren Bürger nach TWE-Serien ohne Absprache mit der Polizei und der Projektgruppe private Wachdienste in ihrem Wohnviertel. Es ist daher sinnvoll, auch eine solche Möglichkeit im Rahmen der Projektgruppe zu diskutieren und gegebenenfalls koordiniert vorzugehen.(23)

Polizeiinterne Maßnahmen

Öffentlichkeitsarbeit

Es hat sich in der Vergangenheit als vorteilhaft herausgestellt, dem Präventionsprojekt einen einprägsamen und öffentlichkeitswirksamen Namen sowie ein Logo zu geben. Eine Bezeichnung wie "Mach zu! Dem Einbruch keine Chance!", die für ein Projekt in Kassel gewählt wurde, oder "Operation Bumblebee" (Hummel) für eine Londoner Initiative geben einem abstrakten Präventionsprojekt ein Gesicht und helfen mit, die Ziele des Projektes innerhalb der Bevölkerung zu verankern. Darüber hinaus verdeutlicht ein Projektname, der von allen Partnern für die unterschiedlichen Teilanstrengungen benutzt wird, die vielfältigen Möglichkeiten kriminalpräventiver Arbeit. Gleichzeitig schafft ein "Markenname" mit einem Wiedererkennungswert ein positives Image in der Öffentlichkeit und fördert damit die Bereitschaft zur Unterstützung. Allerdings ist die Lancierung eines Namens ein zweischneidiges Schwert und verläuft nicht immer positiv. So müssen der Einsatz und die Wirkung des Namens von seiten der Projektleitung kontrolliert werden, um zu verhindern, daß durch zu häufige Nennung in der Öffentlichkeit Sättigungseffekte entstehen. Sollten sich im Projekt nach einer gewissen Zeit keine Erfolge im Kampf gegen TWE einstellen, kann die Bezeichnung einen negativen Beigeschmack bekommen, in diesem Fall ist zu überlegen, sie nicht mehr zu benutzen bzw. durch eine neue zu ersetzen.

Wichtig ist auch die Ansprache der Bürger vor Ort, insbesondere in TWE-betroffenen Gebieten. Informationsstände, die polizeiliche Beratungsangebote offerieren, überwinden die immer noch vorhandene Scheu, Polizeiliche Beratungsstellen (zumal, wenn sie in die Gebäude der Polizeipräsidien integriert sind) zu betreten. Auch "Polizeiläden", die zentral, z.B. in einer Fußgängerzone, gelegen sind, können wichtige Bausteine der Informationsvermittlung an den Bürger darstellen.(24)

Neben der "traditionellen" Öffentlichkeitsarbeit durch Printmedien, Funk und Fernsehen bietet sich gerade für die Ansprache Jugendlicher die verstärkte Nutzung moderner Kommunikationsmedien an, um die Projektinhalte zu vermitteln. Die Verteilung von themenbezogenen Computerspielen, die Einrichtung einer E-Mail-Adresse und einer Internet-Homepage bei der Polizei verkürzen die Kommunikationswege vor allem zur jugendlichen Zielgruppe und helfen mit, das manchmal "unmoderne" Image der Polizei zu verbessern. Für die kostengünstige und professionelle Gestaltung solcher Angebote bietet sich die Zusammenarbeit z.B. mit Universitätsinstituten oder die Einbeziehung von Werbeagenturen in die Projektgruppe an.

Schulungen

Im Rahmen der polizeiinternen Aus- und Weiterbildung sollten spezielle Schulungen für die an TWE-Projekten beteiligten Beamten angeboten werden, um die notwendigen Kenntnisse und Möglichkeiten der Prävention zu vermitteln. Wichtig ist, daß nicht nur die Präventionsdienststellen eingebunden werden, sondern auch und gerade diejenigen Beamten, die im Einbruchsbereich tätig sind. Im Rahmen dieser Schulungen sollte ausführlich auf die Erfahrungen ähnlicher, bereits durchgeführter Projekte in anderen Polizeidienststellen zurückgegriffen werden, um positive wie negative Aspekte aus der Praxis zu verarbeiten. Aus dem gleichen Grund ist es sinnvoll, das Gesamtprojekt zu dokumentieren, um es anderen Polizeidienststellen bzw. Initiativen auf Anfrage zur Verfügung stellen zu können. Neben der Öffentlichkeitsarbeit nach außen sollten das Projekt und sein Fortgang auch polizeiintern regelmäßig thematisiert werden, um die Möglichkeiten des gesamten Apparates auszuschöpfen.

Intensivbetreuung betroffener Gebiete

Zur erfolgreichen Prävention von TWE gehört ebenfalls die intensive Beschäftigung mit den bekanntgewordenen Fällen in der Region. Dazu zählt zum einen eine Opferbetreuung, die weit über die reine Fallaufnahme hinausgeht. Die Beschäftigung mit TWE-Opfern hat dabei mehrere positive Aspekte. Neben der Hilfestellung bei der Aufarbeitung des Einbruchs kann das Opfer im vertieften Gespräch mit den individuellen Ursachen für seine Viktimisierung vertraut gemacht und so möglicherweise vor weiteren Einbrüchen bewahrt werden. Zum zweiten können diese Informationen in das Lagebild TWE der Polizei einfließen. Institutionell könnte die Beschäftigung mit den Opfern z.B. auch im Rahmen eines entsprechenden (betreuten) Arbeitskreises der Projektgruppe durchgeführt werden. Die Integration der lokalen Medien in das TWE-Projekt hilft hierbei, unsachliche Berichte über die Folgen eines TWE zu vermeiden.

Zur Betreuung betroffener Gebiete gehört letztendlich auch die verstärkte polizeiliche Präsenz. Trotz beschränkter polizeilicher Ressourcen belegen zahlreiche Studien die positiven Effekte dieser Maßnahme auf das - nicht zu unterschätzende - Sicherheitsgefühl der Bevölkerung.(25) Im Einzelfall muß dabei geklärt werden, ob eine koordinierte Vorgehensweise mit den oben bereits genannten Anbietern privater Sicherheitsdienstleistungen möglich und sinnvoll ist.

Die hier durch den Autor vorgenommene Aufzählung einiger möglicher Kooperationspartner und -formen für polizeiliche TWE-Prävention legt auch ein Grunddilemma der Kriminalprävention in unserer Gesellschaft offen: "Kriminalprävention ist in Deutschland in der Zeit von 1965 bis 1995 eine ziemlich isolierte Veranstaltung der Polizei geblieben."(26) Alle aufgeführten Institutionen - und nicht nur diese - sind aber eigentlich immer schon Akteure der Kriminalprävention gewesen und haben die Möglichkeit, in ihrem Wirkungsbereich konkrete und wirkungsvolle kriminalpräventive Arbeit zu leisten. In den allermeisten Fällen wissen sie es nur noch nicht! Dieses Wissen um die kriminalpräventive Wirkung gesellschaftlichen Handelns zu vermitteln sowie Gemeinsinn und Solidarität unter den Bürgern zu stärken gehört angesichts der begrenzten polizeilichen Ressourcen wohl zu den wichtigsten Aufgaben der nächsten Jahre und entscheidet mit über den Erfolg integrativer Präventionsprojekte. Die Polizei ist hier ständig gefordert, in Kooperation mit gesellschaftlichen Gruppen und Bürgern kreativ neue Formen präventiver Projekte zu erarbeiten und durchzuführen.

Andreas Kohl, M.A.

1965 Geboren in Mettingen/Westf., 1993 Examen zum Magister Artium (Politikwissenschaft, Neuere Geschichte, Philosophie), 1993 Angestellter am Institut für Politikwissenschaft der Universität Münster, Forschungsstelle Deutsche und Europäische Kriminalpolitik, 1995 Geschäftsführer des Europäischen Zentrums für Kriminalprävention e.V., Steinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Fragen der Deutschen und Europäischen Kriminalpolitik.

Fußnoten

1) Vgl. die Darstellungen der psychologischen Folgen für die Opfer z.B. in: Groß, Martin 1993: "Seitdem hab' ich Angst...". Wohnungseinbruch und seine Folgen, In: Magazin für die Polizei, Heft 6, S. 10-11; sowie Maier, Kurt 1987: Nur ein Einbruch? Wie ihn ein Geschädigter erlebte, In: Der Kriminalist, Heft 11, S. 465-470.

2) Vgl. Fischer, Gerhard 1996: "Kölner Studie" über Wohnungseinbrüche - Fortschreibung 1995, In: Der Kriminalist, Heft 11, S. 473-478; hier: S. 474.

3) Vgl. Schicht, Günter 1996: Einbruchdiebstahl, Hilden, S. 4.

4) Zitiert nach Herok, Peter 1995: Tageswohnungseinbrüche (TWE): eine Randerscheinung der organisierten Kriminalität. Bekämpfungsstrategien im Einzugsbereich einer Großstadt, In: Polizei-Nachrichten, Heft 3, S. 5-8; hier: S. 5.

5) Vgl. Bundeskriminalamt (Hrsg.) 1996: Polizeiliche Kriminalstatistik 1995 Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden, S. 14; sowie Bundeskriminalamt (Hrsg.) 1997: Polizeiliche Kriminalstatistik 1996 Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden. Im folgenden werden die TWE-Zahlen für das Jahr 1996 wiedergegeben, wenn diese bereits vorlagen. Ansonsten wurde auf die PKS für das Jahr 1995 zurückgegriffen.

6) Die folgende Darstellung beschränkt sich auf Angaben zu Fallzahlen, Tatzeiten, -orten und Tätern. Weitergehende, aktuelle Daten z.B. zur technischen Vorgehensweise der Täter, zu Tatobjekten und Opfern siehe Landeskriminalamt Baden-Württemberg (Hrsg.) 1997: Einbruchdiebstahl in Wohn- und Gewerberäume in Baden-Württemberg im Jahr 1995, Stuttgart (Kriminalität im Blickfeld, Ausg. 2), S. 9-28; Wachter, Egon 1995: Wohnungseinbrüche im Stadt- und Landkreis Karlsruhe. Täterbefragungen im Rahmen erweiterter Beschuldigtenvernehmungen, In: Der Kriminalist, Heft 6, S. 299-302; Deusinger, Ingrid M. 1993: Der Einbrecher. Psychologische Untersuchungen zu Entscheidungsstrategien im Rahmen der Tatplanung und Deliktsausführung, Göttingen, Stuttgart; sowie Fischer, Gerhard 1996, a.a.O.

7) Vgl. Schwind, Hans-Dieter/Ahlborn, Wilfried/Weiß, Rüdiger 1989: Dunkelfeldforschung in Bochum 1986/87, Wiesbaden (BKA-Forschungsreihe, Bd. 21), S. 268 ff. Niedrigste Dunkelziffern von 0% für den Wohnungseinbruch allgemein bestätigt auch eine Studie aus Landau, vgl. Jäger, Reinhold S. 1996: Sicherheit in der Stadt, Landau, S. 42 f.

8) Vgl. Neuwirth, Dietrich 1988: Das Lagebild Wohnungseinbruch - aus der Sicht des Bundeskriminalamtes, In: Die Polizei, Heft 12, S. 329-332; hier: S. 330.

9) Vgl. Bundeskriminalamt (Hrsg.) 1996, a.a.O., S. 179.

10) Vgl. Fischer, Gerhard 1996, a.a.O., S. 474; sowie eine entsprechende Meldung des LKA Rheinland-Pfalz in: Die Polizei, Heft 1, 1995, S. 21.

11) Vgl. Unger, Jörg Peter 1985: Auf der Suche nach dem "schnellen Geld". Der Tageswohnungseinbruch in Hamburg, In: Kriminalistik, Heft 12, S. 574-577; hier: S. 574.

12) Vgl. Bundeskriminalamt (Hrsg.) 1996, a.a.O., Tabelle 08; sowie Fischer, Gerhard 1996, a.a.O., S. 476.

13) Inklusive ausländerspezifischer Delikte, ohne diese beträgt der Ausländeranteil an allen Straftaten 1995 21,9%. Vgl. Bundeskriminalamt (Hrsg.) 1996, a.a.O.

14) Vgl. Lemmel, Holger: Kosovo-Albaner in Deutschland: Eine Bedrohung für die innere Sicherheit?, Lübeck (Organisierte Kriminalität in Deutschland, Bd. 6), S. 159. [Erscheint 1997]; sowie Wittich, Klaus 1996: Organisierte Bandenkriminalität der Rumänen, In: Der Kriminalist, Heft 3, S. 106-111; hier: S. 106; und Heitzer, Gerd o.J.: Täter aus Osteuropa - eine Bedrohung?, In: Bund Deutscher Kriminalbeamter, Landesverband NRW (Hrsg.) o.J.: Dokumentation zur Einbruchskriminalität, Neuss, S. 22-26; hier: S. 22 f.

15) Vgl. Herok, Peter 1995, a.a.O., S. 6.

16) Vgl. Dehling, Martin 1982: Organisierte Serieneinbrüche in Wohnungen durch Landfahrer, insbesondere durch strafunmündige Kinder, In: Polizei-Nachrichten, Heft 6, S. 159-161.

17) Vgl. zum folgenden Wittkämper, Gerhard W./Krevert, Peter/Kohl, Andreas 1996: Europa und die innere Sicherheit, Wiesbaden (BKA-Forschungsreihe, Bd. 35), S. 215 ff.

18) Vgl. Ebda., S. 193 ff. u. S. 373 f.

19) So haben z.B. die Erfolge der Polizei in Aschaffenburg zwar dort zu einem deutlichen Rückgang der TWE geführt, in den angrenzenden Gebieten, die vorher z.T. keine TWE-Belastung aufwiesen, allerdings spürbare Erhöhungen der Fallzahlen nach sich gezogen. Vgl. Herok, Peter 1995, a.a.O., S. 8.

20) Beispiele für repressive Strategien finden sich u.a. bei: Herok, Peter 1995, a.a.O.; Borzt, Wolf-Dietrich 1988: Konzeption zur Bekämpfung des Wohnungseinbruchs in Baden-Württemberg, In: Die Polizei, Heft 12, S. 336-343; Flormann, Willi 1990: Organisierte Eigentumskriminalität, In: Schäfer, Herbert (Hrsg.): Einbruchdiebstahl und Tatverdacht, Bremen, S. 31-87; Stüllenberg, Klaus 1987: Die unendliche (Kriminal-) Geschichte oder: Aspekte einer Konzeption gegen Tageswohnungseinbruch und Trickdiebstahl, In: Der Kriminalist. Heft 7/8, S. 317-319; Wagner, Berthold 1988: Konzeption zur Bekämpfung des Tageswohnungseinbruchs in Rheinland-Pfalz, In: Polizei-Führungsakademie (Hrsg.): Diebstahl aus Wohnungen, Seminar vom 25. bis 27. Januar 1988, Münster, S. 115-127.

21) Vgl. Wittkämper, Gerhard W./Krevert, Peter/Kohl, Andreas 1996, a.a.O., S. 347.

22) Vgl. Balsam, Klaus 1996: Mach zu! Dem Einbruch keine Chance!, In: Hessische Polizeirundschau, Heft 7, S. 12-14.

23) Zur aktuellen Problematik der Kooperation Polizei-Sicherheitsdienste vgl. Stüllenberg, Klaus o.J.: Wohnungs- und Geschäftseinbruch. Möglichkeiten und Grenzen von privaten Sicherheitsunternehmen, In: Bund Deutscher Kriminalbeamter, Landesverband NRW (Hrsg.): Dokumentation zur Einbruchskriminalität, Neuss, S. 13-15; sowie Martens, Ulrich/Röder, Hans-Werner 1995: Neue Sicherheitsdienste, In: Glavic, Jürgen J. (Hrsg.): Handbuch des privaten Sicherheitsgewerbes, Stuttgart u.a., S. 347-378. Martens/Röder fordern insbesondere "Schnittstellen zur Polizei", um eine konfliktfreie Zusammenarbeit zu gewährleisten. Ebda., S. 368.

24) Vgl. dazu z.B. Fischer, Heinz-Günther 1988: Maßnahmen einer vorbeugenden Bekämpfung des (Tages-) Wohnungseinbruchs, In: Deutsches Polizeiblatt, Heft 4, S. 21.

25) So auch die Bevölkerung Landaus, die Fußstreifen bzw. Streifenfahrten fordert. Vgl. Jäger, Reinhold S. 1996, a.a.O., S. 53 ff.

26) So der Präventionsexperte der deutschen Polizei-Führungsakademie, Dr. Joachim Jäger, auf dem Kongreß "Kriminalität und städtische Unsicherheit in Europa" des Europarates im Februar 1997 in Erfurt.


Aus: Polizeispiegel, Heft 7-8/1997, S. 167-173 (Teil 1)  und Heft 9/1997, S. 193-196 (Teil 2).


© Andreas Kohl 2000